The Hiroshima Project:Citation


[to german version]
In "War and Cinema, the logistic of perception" (1) , ("Guerre et cinéma I, Logistique de la perception", Paris, 1984) Paul Virilio wrote:

From Machiavelli to Vauban, from von Moltke to Churchill, at every decisive episode in the history of war, military theorists have underlined this truth: 'The force of arms is not brute force but spiritual force.'(2)

There is no war then, without representation, no sophisticated weaponry without psychological mystification. Weapons are tools not just of destruction but also of perception - that is to say, stimulants that make themselves felt through chemical, neurological processes in the sense organs and the central nervous system, affecting human reactions and even the perceptual identification and differentiation of objects. A well-known example is the Stuka or Junker 87, the German dive-bomber of World War Two that swept down on its target with a piercing screech designed to terrorize and paralyse the enemy. It was completely successful in this aim until the forces on the ground eventually grew used to it.

In this respect the first atomic bombs, dropped on Hiroshima and Nagasaki on the 6th and 9th of August 1945, presented the ideal conditions: great mechanical effectiveness, complete technical surprise, but above all, the moral shock that suddenly banished to the prop-room the earlier strategic carpet-bombing of large Asian and European cities, with all its logistical sluggishness. By demonstrating that they would not recoil from a civilian holocaust, the Americans triggered in the minds of the enemy that information explosion which Einstein, towards the end of his life, thought to be as formidable as the atomic blast itself.(3) The principle of deterrence had already seen the light of day.

(1) See P. Virilio, Défense populaire et luttes écologiques, Paris 1978
(2) Ortega y Gasset, cited on the masthead of the Chilean far-right paperOrden Nuevo.
(3) Conversations between the Abbé Pierre and Einstein.

[to top of page] [to german version]


In "Krieg und Kino" (1) , ("Guerre et cinéma I, Logistique de la perception", Paris, 1984) schrieb Paul Virilio:
[Zurück zum Anfang der Seite] [to english version]

Für jeden Abschnitt der Geschichte der Schlachten findet sich ein Kriegsmann - von Macchiavelli über Vauban und Moltke bis Churchill -, der daran erinnert:'Die Macht der Waffen ist nicht rohe Gewalt, sondern ein Geistige Kraft'.(2) So gibt es keinen Krieg ohne Selbstdarstellung, keine noch so entwickelte Waffe ohne psychologische Mystifikation. Die Waffen sind Werkzeuge nicht nur der Zerstörung, sondern auch der Wahrnehmung. Sie sind Simulatoren der Sinnesorgane und des zentralen Nervensystems, deren Wirkung sich in neurologischen und chemischen Effekten äußert, die die Reaktionen beeinflussen, das Erkennen der wahrgenommenen Objekte, ihre Unterscheidung im Verhältnis zu anderen usw. Ein bekanntes Beispielist die Ju 87, der deutsche Sturzkampfbomber des Zweiten Weltkriegs. DieStukas stürzten sich auf ihre Ziele mit einem ohrenbetäubenden Sirenengeheul, das den Gegner in Schrecken und Lähmung versetzte.

In dieser Hinsicht vereinigte der Abwurf der ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 in geradezu idealer Weise alle Voraussetzungen: eine große mechanische Wirkung, eine vollständige Überraschung in technischer, vor allem aber in psychologischer Hinsicht, die die bisherigen strategischen Bombemangriffe auf europäische und ostasiatische Großstädte, das carpet-bombing mit seiner schwerfälligen Logistik in die Requisitenkammer der Kriegsgeschichte verwies. Indem sie ihre entschlossenheit zu einem Holocaust der Zivilbevökerung in großem Stil bewiesen, riefen die Amerikaner im Bewußtsein des Gegners jene Informationsexplosion hervor, die Albert Einstein gegen Ende seines Lebens als ebenso verheerend ansah wie wie die Atomexplosion selbst. (3) Hier regierte bereits das Prinzip der Abschreckung.

(1) Vgl. Paul Virilio, Défense populaire et luttes écologiques, Paris 1978
(2) Motto der rechtsextremistischen chilenischen Zeitung Orden Nuevo, von Ortega Y Gasset
(3) Nach den Unterhaltungen zwischen Einstein und dem Abbé Pierre


[Zurück zum Anfang der Seite] [to english version]

Date: Thu, 4 Jan 1996 12:17:28 +0100
From: Geert Lovink
To: nettime@is.in-berlin.de

Die Informationsbombe Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespraech Ausgestrahlt im Deutsch-Franzoesischen Kulturkanal ARTE November 1995

In den fuenfziger Jahren hat Albert Einstein gesagt, dass wir es mit drei Bomben zu tun haetten. Die erste, die Atombombe, sei bereits gezuendet. Die zweite sei die Informatikbombe; die dritte, die Bevoelkerungsbombe, werde im 21. Jahrhundert explodieren. Gegenwaertig explodiert die Informatikbombe. Neue Technologien, insbesondere die Moeglichenkeiten zur Schaffung virtueller Welten, veraendern Kultur, Politik und Gesellschaft grundlegend. Zu diesem Thema diskutieren heute abend im Gespraech der Stadtplaner und Philosoph Paul Virilio und Friedrich Kittler, Medienspezialist an der Humboldt Universitaet in Berlin.

PV: Wir erleben heute nicht nur einen riesigen Werberummel um Datenautobahnen, Internet und das, was man Cyberspace nennt, sondern durch das Teleshopping und Teleworking nicht im Buero sein, sondern Zuhause am Computer, eine Art von Virtualisierung der Alltagswelt. Im Fernsehen gibt es virtuelle Geschaefte, auf dem Computerbildschirm virtuelle Informationsshops. Nun, ich spreche von Geschaeften, aber man koennte sich ebenso die Frage stellen, entsteht nicht bereits eine Art von virtueller Stadt, eine Stadt der Staedte? Ein wirkliches Zentrum der Welt, das Hyperzentrum der Welt, nicht mehr die Hauptstadt eines Landes, sondern die Kapitale aller Kapitalen der Welt, New York, Singapur, London, die grossen Boersenplaetze, die grossen Staedte, alle zusammen. Verbirgt sich nicht hinter dieser zunehmenden Virtualisierung ein Verlust der zwischenmenschen Beziehungen, ein Verlust der unmittelbaren Information? Das heisst, des Gedankenaustausches, so wie wir ihn gerade hier vollziehen? Ich glaube, darueber sollten wir nachdenken, nicht nur die Urbanisten, die Wohnungs- und Staedtebauer, sondern auch die, die am Ort des Geschehens verantwortlich sind. Ich nenne ein Beispiel: was ist denn ein Supermarkt, ein Einkaufszentrum heute? Nichts anderes als ein Stadtzentrum ohne Stadt, ein Anfangsstadium der Virtualisierung, noch nicht Teleshopping, aber bereits auf der gruenen Wiese oder am Stadtrand ein Stadtzentrum ohne Stadt. Das ist Virtualisierung im Fruehstadium, das zweite Stadium ist dann tatsaechlich Teleshopping zuhause. Gehen Sie nicht mehr aus dem Haus, arbeiten Sie daheim, kaufen Sie daheim, vergnuegen Sie sich daheim usw. usf. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Mich selbst beunruhigt sie, mich als Urbanisten.

FK: Es sieht alles aus wie der Erfolg einer wunderbaren und sehr versteckten Strategie, die nun endlich aufgeht, nachdem sie 15 Jahre lang vorbereitet worden ist. 1982 sind die ersten personal computers, wie sie so schoen heissen, verteilt worden. Einsame, lonely cowboys die einfach auf dem Schreibtisch standen und nichts anderes konnten als Texte schreiben, ich untertreibe jetzt. Und irgendwann sind die Dingen in den letzten 15 Jahren immer besser geworden und jetzt koennen sie alle anderen Medien fressen, das Telephon, den Telegraph und das Faxgeraet und bald auch das Bild und den Ton und die CD. Und man kann sie alle mit wunderschoenen Netzen verdrahten, weltweit. Aus dieser ganz kleinen Investition, die auf jeden dritten Schreibtisch in den zivilisierten Laendern steht, entwickelt sich holterdiepolter ein weltweites Netz, das wirklich wie eine grosse Spinne ist und die anderen Medien das Fuerchten lehrt. Die einzige Ausnahme, die ich machen wuerde: noch sind was die Virtualisierung angeht die beiden Bildschirme, in meiner Wohung zumindest, getrennt. Im Wohnzimmer steht der Fernsehapparat und im Arbeitszimmer steht der zweite Monitor der am Computer haengt. Und ich glaube, erst an dem Tag, an dem der Fernseher endlich weg ist, was ich auch sehr hoffe, und alles ueber den Computer laeuft, kann man von dieser wirklichen Virtualisierung reden. Im Moment sind wir noch im Zwischenstadium, auf der einen Seite gibt es das Programmedium Fernsehen, das uns besendet, und auf der andere Seite gibt es das Programmiermedium, das alle moeglichen Ghettoisierungen moeglich macht, und die beiden sind noch in einer sehr gespannten Beziehung zueinander. Was die Menschen zwischen Wohn- und Arbeitszimmer und den beiden Bildschirmen angeht, weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, der Computer ist nicht erfunden worden um den Menschen zu helfen.

PV: Da heisst es, es wird virtuelle Gesellschaften geben, ja sogar eine virtuelle Demokratie. Was ist denn das? Woher stammt diese Idee? Woher kommt der Erfolg einer solchen Idee, die Gemeinschaft ihre Realitaet zu berauben, zugunsten einer allumfassenden Virtualisierung, einschliesslich der Politik. Wenn man uns erzaehlt, 'die Demokratie wird virtuell', dann heisst das doch, Wahlen werden durch Meinungsumfragen ersetzt. Wenn man uns sagt, 'die Gesellschaft wird virtuell', dann heisst das doch, keiner muss sich mehr um seinen Naechsten kuemmern, weil dessen Anwesenheit in gewisser Weise ja ueberfluessig wird. Ich frage mich nun, was ist eine virtuelle Gesellschaft? Sie entsteht, aber was ist das Ihrer Meinung nach?

FK: Entweder sie ist ein dummes Schlagwort, was ueberhaupt nichts besagt, oder sie ist insofern virtuell, als sie als Gesellschaftsmitglieder oder Staatsmitglieder eben nicht bloss mehr Menschen, natuerlichen Personen und Rechtspersonen fuehrt, wie Institutionen, sondern grosse Netzserver und Programmstrukturen, also eine Welt, in der die Menschen nicht mehr allein kulturelle Wesen sind. Und daran wird man sich die naechsten drei Jahrhunderte gewoehnen muessen, dass es Roboter gibt, dass es Programme gibt, die teilweise besser sind. Wir alle wissen, dass die Tage des Schachweltmeisters gezaehlt sind, dass irgendwann ein Schachprogramm der Schachweltmeister sein wird. Dieses Programm muss man als Teil der virtuellen Welt anerkennen und die virtuelle Gesellschaft ohne diese virtuelle Welt gibt es nicht.

PV: Stehen wir nicht schon am Beginn einer dritten Revolution, nach der des Verkehrs und der der Datenuebertragung, die wir gerade erleben, naemlich der der Transplantation. Ich meine damit die des transplantierten Menschens, der voll ausgestattet ist, nicht nur mit einem Mobiltelephon und einen notebook computer, sondern zusaetzlich mit Teletechnologien, wie einem Herzschrittmacher oder zusetzlicher Gehirnspeicherleistung, Leistungsstimulatoren voellig anderer Art. Ist so etwas vorstellbar und in welchem Umfang? Ich glaube, diese Frage wird nicht gestellt.

FK: Die Frage wird schon gestellt, aber aus einer etwas anderen Ecke, glaube ich. Die computer community, wie das so schoen heisst auf Englisch, als solche hat kein grosses Interesse, sich direkt an die Herzen oder die Gehirne oder die Ohren oder die Augen von Menschen anzuschliessen, weil das eine anorganische Technologie ist, wohingegen die Gentechnologie, die nach dem Modell der Computertechnologie sich jetzt formt und ausbildet, ein sehr grosses Interesse daran haben duerfte, Schnittstellen zwischen den anorganischen Maschinen von heute und dem alten organischen Fleisch des gefallenen und zuendigen Menschen zu bilden. Welche der beiden Tendenzen sich durchsetzt ist eine ganz offene Frage. Ich wuerde so wetten, dass die Computertechnologie in ihrem militaerischen Ursprung und strategischen Abzweckungen, die sie noch heute hat, eigentlich die Bevoelkerung in Ruhe lassen wuerde, wenn sie sich allein als Siliciumtechnologie weiterentwickelt. Und dass die Neurotechnologien und Gentechnologien ein Interesse daran haben, die Bevoelkerungen zu fressen. Es gibt fuer mich zwei moeglichen Zukunftsszenarien, eines das die Menschen ausspuckt, das waere die Computertechnologie, und das andere, das die Menschen frisst, das waere die Gentechnologie. Und ersteres ist mir lieber, weil es dann einfach Goetter gibt auf der einen Seite, oder Daemonen, und auf der anderen Seite Menschen, die es immer schon gab. Und dass es Goetter und Menschen gibt, das ist nun heutzutage vergessen worden.

PV: Ich glaube das wir eine Grenze erreicht haben und die Weltzeit in der Tat das Ende der Zeit ist, um nicht zu sagen das Ende aller Zeiten, das Wort 'Apokalypse' will ich nicht benutzen. Wir haben in jeder Hinsicht die Grenzgeschwindigkeit der elektromagnetischen Wellen erreicht. Damit haben wir nicht nur die befreiende Geschwindigkeit erreicht, die uns erlaubt, einen Satelliten oder Menschen in eine Umlaufbahn zu schiessen, sondern auch die Mauer der Beschleunigung. Das heisst die Weltgeschichte, die sich ja staendig beschleunigt hat, von der Aera der Kavallerie ueber die Aera der Eisenbahn, des Telephons, die Aera Marconis, bis zur Aera des Radios und des Fernsehens, stoesst jetzt an die Mauer, an die Grenze der Beschleunigung. Die von Ihnen gestellte Frage ist in der Tat, was geschieht in einer Gesellschaft die an die Grenze der Beschleunigung stoessst, waehrend doch alle Gesellschaften der Vergangenheit im Bezug auf den Fortschritt, von der Art und Weise ihrer Beschleunigung bestimmt waren? Beschleunigung nicht nur bezogen auf Speicher- und Rechnerleistungen, sondern auf das Handeln. Wir wissen doch, dass man heute eigentlich nicht mehr nur von 'Tele-vision' sprechen kann, sondern von 'Tele-aktion' sprechen muss. Interaktiv bedeutet hier sein, aber gleichzeitig anderswo handeln. Ich meinerseits habe Zweifel, ob diese Frage heute so gestellt wird. Sind wir uns dessen bewusst, dass damit ein globaler, historischer Unfall ausgeloescht worden ist. Jedesmal wenn eine neue Geschwindigkeit entdeckt wurde, entstand auch ein neuer spezifischer, lokaler Unfalltypus. Ich sage immer, man hat die Eisenbahn erfunden und damit auch das Entgleisen. Schiffe, die Titanic, sinken an einen bestimmten Ort, an einen bestimmten Tag. Wir aber schafften mit dieser Einheitszeit, dieser Echtzeit, Weltzeit, den Unfall der Unfaelle, um mit Epikur zu sprechen. Das heisst, die historische Zeit selbst erleidet den Unfall durch das Erreichen dieser Grenze der Lichtgeschwindigkeit, koennte man sagen. Mein Eindruck ist, dass das, was man uns als Fortschritt der Kommunikation praesentiert, in Wirklichkeit nicht nur ein Rueckschritt, sondern ein unglaublicher Archaismus ist. Die Welt auf eine einzige Zeit zu reduzieren, auf einen Zustand, in dem sie keine Beschleunigungssysteme mehr entwickeln kann, ist ein Unfall ohnegleichen, ein historischer Unfall wie es ihn nie gegeben hat. Wie es Einstein hoechst treffend nannte, 'eine zweite Bombe'. Die erste Bombe war die Atombombe, die zweite ist die Informationsbombe, naehmlich die Bombe welche uns die absolute Zeit, die Grenzzeit, um nicht zu sagen die Nullzeit, d.h. die Echtzeit bringt. Ich glaube, das was Sie ueber die Rechenleistung sagen gilt auch fuer die Faehigkeit, die Welt zu sehen, die Faehigkeit sie zu gestalten, sie zu lenken, aber auch sie zu bewohnen.

FK: Wahrscheinlich gehen dann auch die beiden von Einstein bezeichneten Gefahren historisch und systematisch zusammen. Es ist eine der grassierenden Ideologien von heute, zu behaupten, die Kommunikation wuerde durch die neuesten Hochtechnologien befoerdert. Wir wollten immer schon miteinander reden und nun kommt es besonders schnell, effizient und global ueber die Netze. In Wahrheit sind die Atombombe und die Computer beide Produkte des zweiten Weltkrieges. Kein Mensch hat sie bestellt, sondern die militaerische und strategische Situation des zweiten Weltkrieges hat sie notwendig gemacht. Also, es waren von vornherein keine Kommunikationsmittel, sondern es waren Mitteln des totalen Krieges und des strategisch geplanten Krieges. Was jetzt als spin-off in die Bevoelkerung hineingestreut wird, wobei ich nicht sagen wuerde, es wurde weltweit gestreut, sondern die Dominanzen des Netzes sind natuerlich klar Amerika, Kalifornien und Europa und Japan. Was ich nicht glaube, ist dass es schon die letzte Grenze erreicht hat, die Beschleunigung. Dass die Katastrophe sozusagen in der Unueberbietbarkeit der aktuell herrschenden Uebertragungs- und Berechnungsgeschwindigkeiten steckt, sondern es ist immer noch strategischer und oekonomischer Gewinn daraus zu ziehen, dass man ein System hat, das schneller ist als das andere System. Es ist immer noch moeglich zu unterscheiden zwischen geheimen Maschinen und oeffentlich verkauften Maschinen, die sich durch ihre Geschwindigkeit unterscheiden, durch ihre Leistungsfaehigkeit. Und es ist immer noch nicht ausgemacht, wie die Sachen weitergehen, weil die Lichtgeschwindigkeit zwar eine absolute Grenze, im Vakuum wohlgemerkt, ist, aber in den real existierenden Technologien laeuft die Elektrizitaet substantiell langsamer als im Vakuum und es werden furchtbaren Kaempfe noch laufen in Richting Beschleunigung, optischer Schaltkreis anstelle von Silicium, das werden Faktoren von einigen Millionen Beschleunigung sein, sodass ich also Schwierigkeiten habe, die Apokalypse bereits eingetreten zu sehen. Nur die Zeit der Menschen ist, glaube ich, ein fuer allemal unterlaufen. Die Frage, die fuer mich brennend ist, ist wie Kultur und Politik darauf reagieren, auf die langsame Depositierung ihrer eigene Maechte. Sie haben sich so auf die Alltagssprache und deren Langsamkeit, so auf die Nerven und deren Langsamkeit verlassen, und sind jetzt selber nicht mehr fuehrbar ohne Maschinerien, die Entscheidungen vorbereiten und am Ende sogar noch treffen. Also wie man als Philosoph und als Politiker reagiert.

PV: Sie haben voellig zurecht vorhin den zweiten Weltkrieg erwaehnt, aus dem diese Technologien hervorgegangen sind. In der Tat muss man sagen, dass mit der Innovation Atombombe etwas ganz anderes erfunden wurde, das im uebrigen heute eine Krise erlebt, ich meine die nukleare Abschreckung. Muss man nun nicht in Zusammenhang mit dieser zweiten Bombe, der Informationsbombe, Wege der Interaktivitaet, und ich gebe zu bedenken, dass die Interaktivitaet in gewisser Weise eine Form von Radioaktivitaet ist. Das ist nicht nur eine Metapher, sondern ein konkretes Bild. Muss man also nicht bereits fuer das naechste Jahrhundert mit einer anderen Form der Abschreckung rechnen? Ich meine nicht die militaerische Abschreckung, zur Verhinderung des Einsatzes der Atombombe, sondern eine gesellschaftliche Abschreckung zur Verhinderung der Schaeden durch den Fortschritt der Interaktivitaet. Denn eine globale Gesellschaft, die in der Echtzeit lebt, vom unmittelbaren Datenaustausch, ist undenkbar. Oder halten Sie sie fuer denkbar? Wenn ich Freunde hoere, deren Namen ich hier nicht nennen moechte, die von einem riesigen Weltgehirn sprechen, in dem jeder einzelne Mensch nur noch ein Neuron ist, das auf anderen Neuronen reagiert. Der Mensch also nicht mehr ein irdisches, sondern ein neuronales Wesen ist, muss ich genau daran denken. Sind wir nicht schon dabei, was unsere Arbeitswelt angeht, unseren Wohnungsbau, eine gesellschaftliche Abschreckung zu erfinden und vorzubereiten. Das heisst eine Abschreckung, um die negativen Folgen dieser Augenblicklichkeit des Handelns und der Information fuer die Aermsten und Schwaechsten zu verhindern? Ist Ihrer Meinung nach eine Abschreckung der augenblicklichen und globalen Information vorstellbar? Es geht fuer mich dabei um das Risiko einer Tschernobylkatastrophe mit schaedlichen Folgen fuer die Lebensweisen der Menschen, fuer das Sozialverhalten. Gibt es nicht schon heute Hinweise auf eine solche soziale Desintegration, ein Auseinderfallen der Gesellschaft, von Paaren usw. Ist nicht die strukturbedingte Massenarbeitslosigkeit bereits ein Effekt, ein Niederschlag, fall-out dieser Informationsbombe? Und wir stehen erst am Anfang. Was halten Sie von dieser sozialen Dimension der Information, Delokalisation, Automatisierung der Moeglichkeit, augenblicklich von einem Ort auf einen anderen in der Welt einwirken zu koennen? Hat dies nicht eine Dimension, die Sie problematisch finden? Ist nicht bereits die Massenarbeitslosigkeit, die ja nicht mehr konjunkturbedingt sondern strukturell ist, bereits eine Folge dieses Unfalls, von dem ich soeben sprach, dem Unfall der Zeitlichkeit? Stehen wir damit nicht bereits vor einem Problem?

FK: Sicher, die Massenarbeitslosigkeit von heute ist bestimmt von der Automatisierung der Produktion bestimmt. Ich habe nur das dumpfe Gefuehl, dass die Soziologien und Politiken selber etwas daran schuld sind, dass da soviel Arbeitslosigkeit auftritt. Die Technologie selber ist die einzige Technologie, die ich kenne, die wirklich radikal umprogrammierbar ist, also wo staendig neue Sachen gemacht werden koennten, im Unterschied zur Fabrikationsstrasse, die damals Henry Ford in Detroit errichtete, wo ein einziges Automodell zehn Jahre lang drueber gelaufen ist. Man koennte also mit dieser Basistechnologie, die wirklich zur Innovation erfunden worden ist, alles andere innovieren. Aber es wird ja auch systematisch im Konzept von Gesellschaft und im Konzept von Bildung daran festgehalten, dass den Leuten der Zugang zu dieser Technologie versperrt wird. Es gibt ein grassierenden Computeranalfabetismus, computer illiteracy, die wird hergestellt, die wird auch durch Propaganda, Werbung und falsche Verkaufsstrategien hergestellt und hindert sehr viele Leute draufzusteigen. Fuer die Hacker von heute habe ich, was Arbeitslosigkeit betrifft, keine Angst. Das ist aber eine ziemliche Teilantwort auf die Frage. Was das Tschernobyl der Information angeht, das hat sich ja vielleicht an diesem Boersenkrach schon einmal provisorisch abgezeichnet, was das heisst, wenn alle Boersengeschaefte ueber weltweite Netze gehandelt werden. Und dagegen werden ja permanent Massnahmen ergriffen, also die gute alte Zeit, in der jeder auf seinem Computer machen durfte, was er wollte, ist laengst vorbei. Wir werden alle kontroliert auf unseren Maschinen und je vernetzter die Maschinen werden, desto strenger werden die Kontrollen und die Schutzmechanismen. Und die Buerokratien, die eingebaut sind. Das Netz wird auch bestenfalls dieses Jahr noch frei sein, im naechsten Jahr gehoert es wahrscheinlich dem grossen Geld, und dann funktionieren die Kontrollen. Das waere die andere Gefahr, dass gerade zur Verhinderung eines informatischen Tschernobyls die Kontrollmechanismen, die informatischen Buerokratien, im Verbund mit sehr viel Kapital derart ausweiten, dass die versprochene Liberalisierung der Information ueberhaupt nicht stattfindet. Also im Gegenzug einer moeglichen Systemzusammenbruchgefahr eine neue Hierarchie aufgebaut wird, die dann strukturell dieselbe Hierarchie ist wie die zwischen Computerliteraten und Computerilleteraten. Auf der einen Seite die, die Kode noch verstehen, so wie die Kryptographen und Kryptologen des zweiten Weltkrieges, und auf der anderen Seite die Massen von Milliarden von Menschen, die ausgeschlossen werden aus Sicherheitsgruenden.

PV: Immer wenn Technologien schneller gemacht wurden gab es Akkumulation und Konzentration. Heute erleben wir, ob mit Time-Warner oder Turner, einen Gigantismus der Konglomerate, der Monopole, im uebrigen noch beguenstigt durch den Wegfall der Anti-Monopolgesetze, der diese zentrale Steuerung ueberhaupt moeglich macht. Zur gleichen Zeit da man uns erzaehlt, Internet bringt uns die Freiheit an Ort und Stelle, erleben wir wie sich ganz zufaellig Trusts bilden, die Weltkonzerne, keinen blossen multinationalen Unternehmen mehr sind. Ich frage mich nun, ob durch diese Illusion der Freiheit durch Information nicht eine Einheitlichkeit der Welt larviert wird die zulasten ihrer Vielfalt, ihres gedanklichen Erbes, ihrer Kultur ganz einfach geht. Wir wissen wie das Medium, ganz gleich im welchen Fall, die Verlagerung vom Geschriebenen zum Bildschirm verarmt. Wir wissen um die Verarmung durch den Computer. Ob wir es wollen oder nicht, der Computer synthetisiert Information. Jeder der einen Synthesizer in der Musik verwendet, zum Beispiel fuer Geigenmusik, weiss genau, dass eine echte Geige anders klingt als ein Synthesizer. Und der Computer ist nichts anderes als ein Informationssynthesizer. Der Informationsgehalt wird semantisch reduziert, die Kognitivisten wissen dies im uebrigen genau, und auch dies ist ein Umstand, den man beruecksichtigen muesste. Die Synthetisierung der Information, die Verarmung der Inhalte, wird aber nicht beachtet. Wie immer wird alles Negative verschwiegen, interessanterweise immer larviert. Wie kann man vorgeben, Technologien zu entwickeln, ohne sich auch gleichzeitig Wissen ueber damit verbundenen spezifische Unfallrisiken zu erwerben? Und das gilt fuers Fernsehen, genauso wie fuer Multimedia.

FK: Man muss es wahrscheinlich so machen wie Bill Gates und die Sachen so verkaufen als seien sie nicht die Sachen wie sie sind. Man verkauft Computer und sagt, das sind Schreibtische, desktops, oder man sagt, es sind Fernsehgeraete, oder die Fernsehgeraete der Zukunft. Auf diese Weise kann man die Maschinerien, mit ihren systemspezifischen Schwaechen vernebeln und gut verkaufen. Das ist eine sehr amerikanische Werbestrategie, und es laesst daraus schliessen, dass die Trust- und Konzentrationsbewegung die ergriffene und vielleicht auch letzte historische Chance der Amerikaner sind, die Pax Americana auf technologischen Weg zu halten. Nachdem der ganzen technologischen Vorsprung schon nach Japan abgewandert schien, hat Amerika es geschafft in den neunziger Jahren, aufgrund seiner elektronischen und computertechnischen Vorspruenge vor allem die Standards zu definieren, unter denen wir heute auf den Netzen und Maschinen kommunizieren. Und es ist wirklich nicht ausgemacht, dass die Standards, so wie sie sind, die mathematisch oder menschlich besten sind. Das kann man noch unterscheiden, aber es sind beides zwei wichtige Gesichtspunkte, die in diese Standardisierung oder Vereinheitlichung, weltweite Globalisierung nicht eingehen und es ist eigentlich raetselhaft, weshalb kein Mensch und kein Kopf, keine Industrie in Europa irgendeinen Versuch macht, diese Standards, so wie sie sind und wie sie ueber den grossen Teich kommen, als neue Form der Pax Americana, in Frage zu stellen.

PV: Die neuesten Technologien lassen den Raum in seiner Ausdehnung und Dauer verschwinden. Sie reduzieren die Welt auf ein Nichts, wie man sagt. Das ist ein tiefgreifender Verlust, auch wenn man es nicht zugibt, und niemals zugeben wird. Es gibt eine Verschmutzung, nicht nur der materiellen Umwelt, der Fauna und Flora, die Umweltschuetzer wissen das, sondern auch der Distanzen und der Zeitraeume, die mich im Hier und Jetzt leben lassen, an einem Ort und in der Beziehung zu anderen Menschen, die durch Begegnungen entsteht, nicht durch eine Tele-Praesenz, eine Tele-Konferenz oder Tele-shopping. Was denken Sie ueber diesen Verlust? Setzen wir uns nicht damit selbst und der Welt ein Ende? Wenn es einige akzeptieren koennen, die Ausdehnung im Raum zu verlieren, wie wir die Zeitdauer, die lange Dauer, verloren haben.

FK: Ich sehe bis jetzt einen radikalen Verlust an Raum, weil sich das alles ja im Miniaturraum der Schaltkreise abspielt. Und der ganze Witz daran ist, ich habe immer noch Schwierigkeiten zu sehen, dass die Zeit wirklich geschluckt ist. Mein Lieblingsspiel ist eigentlich Computergrafik. Ich nehme ein winziges Stueck Welt, ein ganz bescheidenes zentralperspektivisches und schreibe ein Program und lasse das Ding rechnen. Ich brauche fuer ein Bild, fuer das der Photograph seine bekannte 1/30 Sekunde braucht, auf einem sehr guten Rechner ungefaehr sechs Minuten, und dann kommt das naechste Bild. Die Simulation, oder die Synthese von Bildern dieser irdischen Welt ist immer noch nicht Echtzeit und die Schwerigkeiten, die die Leute haben, jetzt, bei den computergenerierten Filmen, die brauchen fuer einen Dinosaurier 20 Stunden Rechenzeit und der Dinosaurier laeuft dann in drei Sekunden uebers Bild. Da ist immer noch sehr die Zeit im Spiel und der historische Moment, wo wirklich die Zeit der Welt eingeholt werden wuerde, ist noch lange vor uns. Deshalb die ganzen Kaempfe. Mit dem Verlust der Naehe koennte ich leben, langsam. Wieder ein Beispiel aus dem Leben. Es ist langweilig unter dem Betriebssystem DOS mit drei Befehlen sich durchs Leben zu quaehlen, also, zeige Direktorien an, loesche und bewege Direktorien. Aber sobald man sich in UNIX begibt, dann ist man von Anfang an ein Mensch unter ungefaehr 300 Programmen, von denen man bestenfalls 10 kennt. So im Lauf der ersten Monaten lernt man dann 20 Programme kennen, dann 40, dann 100. Dann ist man sehr ueberrascht dass man gar nicht mehr alleine ist, sondern mit 100 Programmen lebt, von denen man 20 braucht, und langsam stellt man fest, dass man 2, 3 Programme nie kennengelernt hat, weil die im Hintergrund laufen. Der Name dieser Programme ist ueberigens 'Daemonen'. Die haben eine ganz merkwuerdige Naehe. Man sieht sie nie, sie tun aber immer etwas fuer einen, wie die Engel in Angelo Logi des Mittelalters und ich habe fast den Eindruck, als sollte man die alten Soziologentraeumen langsam fallenlassen, in denen gesagt wird, die Gesellschaft ist eo ipso natuerlicherweise nur aus Menschen zusammengesetzt. Die Gesellschaft und die Naehen und Fernen von Heute und Morgen und Uebermorgen werden Menschen und Programme in irgendeiner seltsamen Mixtur einbeziehen. Das gibt, denke ich schon, Moeglichkeiten der Naehe, weil die Programme ja manchmal nicht dumm sind, deshalb sind sie ja geschrieben, manchmal intelligenter als der Nachbar um die Ecke.

PV: Aber das ist doch ein Verlust. Jeder Neuerwerb geht mit einem Verlust einher. Jeder technische Fortschritt fuehrt auch zu einen Verlust. Wir wissen doch sehr gut, dass heute der Verlust sozialer Bindungen mit diesem Untergang, mit dieser Missachtung des Naechsten verbunden ist. Der Naechste, also jemand der materiell existiert, der schlecht riecht, der langweilt, der stoert, den kann man nicht wegzappen usw. Man hat sogar Deodorants erfunden, damit man ihn nicht riechen muss. Das ist im uebrigen ein Grund fuer die Krise der Staedte heute, der bevoelkerten Oerte. Ob Seefahrer, Menschen der Wellenmechanik oder Menschen der Erde, es gibt einen Ort, an dem bevoelkert wird, an dem man lebt. Heute aber ist es nicht der Naechste sondern der Entfernte, der bevorzugt wird, derjenige der in diesem seltsamen Fenster, auf diesen seltsamen Bildschirmen erscheint. Er wird priviligiert, zulasten dessen der ganz in der Naehe ist. Das reicht sogar bis in die Ehe hinein. Das sieht man doch an den sogenannten getrennt lebenden Paaren, Maenner und Frauen, die in getrennten Wohnungen leben, als seien sie bereits geschieden. Und die Kinder lernen dabei ganz nebenbei, staendig zwischen Vater und Mutter hin und her zu pendeln. Und das ist nur der Anfang, denn der Cybersex beweist uns schon, dass man demnaechst auf Distanz miteinander verkehren kann, d.h. wirklich seinen Entfernten lieben wie sich selbst, weil die echte Frau, die man hat, langweilig ist und weil Praeservative nicht sehr zuverlaessig sind. Da haben wir doch ein Universalpraeservativ. Wir haben eine Technologie erfunden mit der man sich ueber tausende von Kilometern hinweg lieben kann, ohne sich zu beruehren. Ist das nicht eine Metapher des Zerfalls? Ich meine nicht nur der Trennung von Paaren, sondern der Trennung sozialer Bindungen, ja sogar nicht nur der Trennung zwischen zwei Menschen, sondern des Kopulationsaktes selbst. Ist das nicht bereits ein Effekt der Informationsbombe? Mir scheint, gut ich uebertreibe, aber wie sollte man nicht uebertreiben angesichts solcher Umstaende? Ich habe wirklich den Eindruck, dass das 19. Jahrhundert, die Kernphysik, der Zerfall der Materie, ebenso wie die Kunst, der Pointillismus, der Divisionismus und natuerlich auch die Fraktalgeometrie, auch gesellschaftliche Auswirkungen haben. Das heisst, dieser Zerfall betrifft auch die Sozialstruktur, den Einzelnen selbst, bzw. die Zweierbeziehung des Paares, das ja die eigentliche Grundlage der Schoepfung der Menschheitsgeschichte ist, denn die Demographie ist ja ein die Geschichte gestaltendes Element. Das ist doch von gewisser Bedeutung, oder nicht? Denn ich habe nichts gegen Programme, aber ich wuenschte mir, sie wuerden auch von den Maennern und Frauen sprechen. Was meinen Sie dazu?

FK: Die Fraktalgeometrie ist erfunden worden, um die euklidische Geometrie etwas komplizierter zu machen. Ploetzlich eine Welt, die nicht mehr bloss mehr aus Rechtecken und Kreisen und graden Linien besteht, sondern eine Welt, die aus Schwengen und Wolken besteht und all den schoenen Dingen, denen vermutlich auch das menschliche Fleisch relativ nahe steht, nicht etwa den rechteckigen Gebilden von Le Corbusier oder den etwas komplizierteren von Phidias von Athen. In Prinzip sind solche Sachen wie die fraktale Geometrie, die schlichtweg nur durch Computerpower errechenbar wurde und vorher immer nur gedacht werden konnte, aber nie gemacht werden konnte, Dinge die eigentlich der Komplixitaet der Maenner und Frauen mehr entgegenkommen als Euklid. Euklid wuerde etwa entsprechen den Verfahren, wie im 18. Jahrhundert junge Rekruten gedrillt worden sind. Das hat Foucault, und Sie selbst, sehr schoen gezeigt, die gerade Haltung des Rekruten, der selber eine Linie bilden soll in seinem Regiment, in seiner Kampflinie. Heute entsteht eine neue, Chaosmathematik und das koennte ein Modell sein, das nicht unbedingt alle Paare auseinanderreisst, sondern die Komplexitaet von Individuen besser beschreibt. Und die Theorie der Rueckkopplung koennte ja, wenn's gut ginge, auch die Beziehung zwischen Paaren besser beschreiben. Grob gesprochen, die Freudsche Theorie des Verhaeltnisses von Frauen und Maennern scheint mir duemmer zu sein als die Theorie, die Bateson auf der Basis von Rueckkopplungsschleifen gemacht hat. Zu zeigen, dass wenn ich zu dir das sage, und du wieder das sagt, und ich daraufhin das sage, weil du mir das gesagt hast und ich das im guten und boesen Sinne hochschaukeln kann, scheint eine viel vernuenftigere Beschreibung von Sozialbeziehungen zu sein, als die Beschreibung mit internen Imagines, die einen ewigen, lebenslangen Krieg gegeneinder fuehren. So eine Rueckkopplungsbeschreibung von Beziehungen ist selbstverstaendiglich basiert auf Nachrichtentechnik und ist nicht aus der Psychologie abzulesen gewesen, als sie auftauchte. Die Modelle, die heute verfuegbar sind, um Komplexitaet zu beschreiben, sind besser als vorher. Warum die Leute dann trotzdem ins Unglueck laufen in ihrer Einsamkeit, vielleicht auch ich selbst, ich sitze oft lieber am Computer, als dass ich andere Sachen mache oder mich unterhalte, das muss irgendwie die Faszination von Macht sein, so wie frueher Leute ihre Liebe von ihrer Frau abgewendet haben und auf ein Bild von Jesus oder Maria gelenkt haben, so geht das heute in die Technologien hinein. Ist das die Technologie selbst, die unseren Eros, unsere Libido abzieht, oder sind das die Leute, die sie verkaufen?

PV: Ich glaube tatsaechlich, dass heute eine neue Kaste von Technologiemoenchen heranwaechst, und dass es in der Tat heute Kloester gibt, die dabei sind, einer 'Zivilisation' den Weg zu bereiten, die gar nichts zu tun hat mit der Zivilisation unserer Erinnerung. Die Arbeit wird heute nicht wie im Mittelalter gemacht, sondern durch die Aufarbeitung des Wissens wie zu frueheren Zeiten, der Antike. Der Beitrag der Moenchen zur Wiederentdeckung der Antike ist ja bekannt. Es sind Technologiemoenche an der Arbeit und nicht etwa Mystiker, die alles daransetzen, eine neue Gesellschaft ohne Bezugspunkte zu schaffen. Wir haben es zu tun mit einem technischen Fundamentalismus, nicht nur mit einem mystischen Fundamentalismus, im Sinne von Monotheismus, sondern im Sinne eines Informationsmonotheismus. Nicht mehr mit dem Monotheismus der Schrift, des Korans, der Bibel, des neuen Testaments, sondern der Information im weitesten Sinne. Und dieser Monotheismus entsteht unabhaengig von allen Kontroversen. Er ist das Ergebnis einer Intelligenz ohne Gedaechtnis und Vergangenheit. Und damit verbunden ist meiner Meinung nach die grosse Gefahr, eine Entgleisung, des Abgleitens ins Utopische, in eine Zukunkft ohne den Menschen. Und das macht mir Sorgen. Ich glaube, aus diesem Fundamentalismus entsteht Gewalt, Hypergewalt. Zur Zeit redet man ja viel ueber die Gefahren des islamischen Fundamentalismus, Bomben usw. Das sind Splitterbomben. Ich glaube aber, es wird tatsaechlich an Informationsbomben gearbeitet, die die gleiche zerstoererische Wirkung auf den Sozius haben, insofern als der Sozius, oder die Gesellschaft, Gedaechtnis ist, d.h. verwurzelt nicht an einem Ort, im Hier und Jetzt, sondern in einer Vergangenheit, die ihre eigene Struktur hat und die die Gegenwart strukturiert. Wir sind nur der Spross des Gewesenen. Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie noch einmal zu erleben, sagt man. Und genau das passiert in gewisser Weise mit diesem Feudalismus der neuen Technologien, mit dieser Form von Informationsimperialismus. Und ich glaube, ich bin ueberhaupt kein Gegner der Information. Aber mit dieser totalitaeren Dimension setzt man sich nicht genug auseinander. Und es waere doch angebracht, dass sich auch diese Technologiemoenche, zu denen ich Sie nicht zaehle, mit dieser Suende beschaeftigen. Denn auch im technischen Fundamentalismus gibt es Suenden, deren Folgen, deren schaedlichen Auswirkungen wir heute erleben. Auswirkungen des Fortschritts heisst es, aber es bekennt sich keiner dazu. Diese Moenche kennen diese Suenden nicht. Es gibt einfach Arme und Menschen, die verrecken. Wie denken sie ueber die fundamentalistische Dimension der Information?

FK: Ich sehe es genauso. Er ist aber wahnsinnig spannend, dieser neue Integralismus. Natuerlich vergessen die Leute, die das alles programmieren, die Geschichte Europas, die das moeglich gemacht hat. Wenn man diese Geschichte wieder bedenkt, kann man sehr klar sehen, wie das praezise vor allem aus der Gutenbergischen Erfindung des Buchdrucks und der modernen Algebra herausgekommen ist. Beide sind ungefaehr gleichzeitig um 1450-1500 entstanden. Der Buchdruck konnte alles kopieren und abschreiben und die Algebra konnte alles berechnen, aber die beiden liefen nicht zusammen. Wenn man schrieb, musste man immer noch Polizei oder Liebe einsetzen, damit die Leser taten was man beschrieben hat. Wenn man programmiert, dann tritt ein richtiger Integralismus auf. Man schreibt nicht nur, sondern das, was man schreibt, wird getan vom Programm. Das Versprechen des Buchdrucks und das Versprechen der modernen Mathematik endlich zusammengekommen, nach 500 Jahren Latenzzeit Europas, das ist eine unendliche Macht, wirklich eine Art von Integral, in das alle vorher getrennten einzelnen Technologien, Metallurgien, Halbleitertechniken und Elektrotechnik eingeht. All diese Basteleien, die sich abgespiegelt haben. Es ist sehr schwer anzugeben, ob es da noch eine Grenze gibt, ich glaube, das ist die im Moment dringlichste Frage. Es gibt im Grunde nur ein paar weitsichtigen Physiker, die sagen, das Prinzip der Digitalisierung selber ist wunderbar, hat aber internen Leistungsgrenzen, die alle Werbung wegleugnet und die bestehen in dem schlichten Satz, dass die Natur selber kein Computer ist und dass deshalb bestimmte komplexe Phaenomene des Menschen, der Natur prinzipiell, ausserhalb der Berechenbarkeit des heute herrschenden Paradigmas liegen. Das ist eigentlich die einzige vernuenftige Hoffnung, die ich hegen kann, dass wir nicht am Ende der Weltgeschichte angelangt sind. Denn wenn die Digitalrechner keine internen Grenzen haetten, dann wuerden sie wirklich die Weltgeschichte zu Ende bringen, in all den Punkten, die Sie gesagt haben: die Zeit ist nicht mehr die Zeit des Menschens, der Raum ist nicht mehr der Raum des Menschen, sondern ist ein Gang in diesen kleinen Wunderdingen. Aber wenn diese Wunderdinge selber Schranken haben, dann kann man sich problemlos ein 22. oder 23. Jahrhundert vorstellen, in dem das Prinzip der Digitalmaschinen nicht gerade ueber Bord geworfen wird, aber ergaenzt wird durch irgendein neues, zu erfindendes Prinzip.

PV: Waere es aber nicht an der Zeit, dass diejenigen, die Maschinen bauen und ihre Vorzuege loben, nicht die, die sie verkaufen, meine ich, sich zusammentun um diese Grenze auszutesten, diese Schadwirkung, dieses spezifisch Negative der Information. 1888 trafen sich die Erfinder der Eisenbahn, die Erbauer der Schienennetzen Europas, in Bruessel. Warum? Weil die Entwicklung der Dampfmaschinen voranging, die Lokomotiven immer leistungsstaerker wurden, die Tiefbauingenieure immer phantastischeren Tunnelbauwerke konstruieren und schwingungsfeste Stahlbauwerke bauen konnten usw. usf. Aber es gab ein Problem. Die Verkehrsfuehrung hielt nicht schritt mit der Leistungsentwicklung der Maschinen. Darum trafen sie sich alle in Bruessel und erfanden das, was man heute die Verkehrsleittechnik nennt. Man entwickelte das sogenannte Blocksystem. Das Wort gefaellt mir uebrigens. Wenn der TGV heute gut funktioniert, dann deshalb, weil es das Blocksystem gibt und die Signalerfassung im Fuehrerstand des Zuges. Das bedeutet, es gibt praktisch kaum noch Unfaelle. Man ist vom Negativen ausgegangen um das zu regeln, was nicht funktionierte, naehmlich den Verkehr. Man hat Gleiskontakte erfunden, Fahrsignale, das bereits war eine Form der Daten- und Signalverarbeitung die hoch entwickelt war. Warum gibt es also heute angesichtlich der schaedlichen Folgen der Arbeitslosigkeit, der Fehlentwicklungen im Staedtebau, warum gibt es kein Colloquium ueber diese Kehrseite des informationstechnischen Fortschritts? Warum beschaeftigen wir uns nicht, aehnlich wie die Ingenieure des 19. Jahrhundert das spezifischen Unfallsrisikos der Eisenbahn, naehmlich der Entgleisung, annahmen, heute mit dem spezifischen, zugegeben, immateriellen Gefahrenpotential der Datennetze, der Entstehung einer Sozialkybernetik. Wenn ich mich recht entsinne fuerchteten bereits Alan Turing und Norbert Wiener die Anwendung der Sozialkybernetik auf die Gesellschaft. Und uns erzaehlt man heute, das sei der Fortschritt. Cyberspace, die kybernetische Regelung des Soziallebens sei der Gipfel der Demokratie, vor allem von Ross Perot hoert man das. Mir scheint, es waere an der Zeit, dass diejenigen, die an den Programmen arbeiten, sich auch mit einem Gegenprogramm beschaeftigen, um die Grenzen dieses Prozesses auszuloten. Aber warum verwenden sie ihre Intelligenz nicht darauf, die Technik in Auseinandersetzung mit ihren negativen Seiten weiterzuentwickeln? Warum verschleiern sie immerzu die Erbsuenden dieser Technik, waehrend man doch den Schiffbau vorangebracht hat, indem man die Schiffe wasserdicht machte, die Flugzeugtechnik, indem man die Motoren besser steuerbar machte, und natuerlich durch die Flugueberwachung und die Fluglotsen. Warum gibt es sowas nicht?

FK: Ich habe eine einzige Antwort, die aber voellig idiosynkratisch ist. Wie schon bei den Columbia-Unfall, verfallen vor allem amerikanische Firmen in eine Haelfte von Ingenieuren und eine Haelfte von Haendlern, Kaufleuten und Juristen, und die Sprecher sind immer die Juristen und eventuell treten noch die Professoren von MIT hinzu. Und ich kenne keine einzige groessere Firma, die in den Haenden von Leuten waere, die die Sachen selber programmieren. Sondern die Leute, die programmieren, die also wissen wo die Negativitaet der Systeme sitzt, werden grundsaetzlich als Programmiersklaven gehalten, das ist ein Ausdruck in der Branche, tut mir leid. Und die Leute, die Propaganda machen, denen das gehoert, wie Bill Gates, haben vielleicht vor 20 Jahren fuenf Zeilen geschrieben und das dann gelassen. Dieser Schnitt verhindert eigentlich Diskussionen, diese Negativitaet, und die Leute, die Sie vorhin zitierten, sind eigentlich freie Wissenschaftler, die sich als Physiker Gedanken machen, die aber nicht in der Industrie taetig sind. Vielleicht wenn Europa so sesshaft ist, koennte wenigsten das seine Aufgabe sein, dass wir hier eine Diskussion mit den Leuten, die die Systeme bauen, planen und entwerfen, veranstalten.

PV: Warum nicht in Bruessel? Weil eben doch auch die Blocksystemkonferenz in Bruessel stattfand. Ich glaube, Sie haben eben das entscheidende Wort genannt, 'Unternehmen'. Information kann kein Unternehmen sein, sie ist die eigentliche Materie der Welt. Was wir gerade tun hat nichts mit unternehmen zu tun, das ist ein Dialog, ein Gespraech. Wie kann man aber die Frage der Information auf Unternehmen beschraenken? Mehr noch, auf Unternehmen, die sich auf ein absolutes Monopol hinentwickeln? Wir stehen vor einem Phaenomen der Tyrannei, einer Tyrannei der Echtzeit, der Information, die ja ein Alltagsprodukt wie der elektrischen Strom sein sollte. Wenn aber etwas kein Alltagsprodukt ist, dann ist es doch die Information. Wir stehen vor einem Phaenomen der Materie, ihrer Masse und Energie, die ihrem Wesen nach die Geschichte und das Sein konstituiert. Sprache und Sein ist dasselbe. Sein ist sprechen. Das lateinische Wort fuer Kind, 'Infant', bedeutet doch, 'der nicht spricht'. Man hat also aus der Information ein Fertigprodukt gemacht, ein Weltunternehmen. Was ist das fuer ein Drama, das man uns da als Fortschritt zu verkaufen wagt? Ich reg mich darueber auf, weil ich glaube, dass Europa zur Zeit eben ueberhaupt nicht darauf reagiert. Die Verantwortlichen fuer den Bereich neue Produkte haben sich doch vor einem Jahr in Bruessel getroffen und man hat ihnen die neuen Systeme, die neuen Produkte schmackhaft gemacht. Und diejenigen, die dort hingegangen sind, um doch ein wenig zur Skepsis zu mahnen, und die gesagt haben, es gibt da vielleicht doch das eine oder andere Problem, die hat man wie den letzten Dreck behandelt. Und das an dem Ort, an dem Europa gestaltet wird oder entstehen soll.

FK: Das ist die Katastrophe. Das Zusammenschmeissen eines alten, aus der Goethezeit stammenden Copyright und Eigentumsrechts an geistigen Produkten mit der neuen Entdeckungen der digitalen Maschinen. Die Definition war die einer Maschine, die alle anderen Maschinen imitieren kann. Diese Definition schafft eigentlich jedes Urheberrecht und jedes geistige Eigentum ab, weil es genau diese Maschine ist, die jede andere Maschine, auch uns, in dieser Hinsicht, sofern wir denken, imitieren kann. Das war, glaube ich, das grosse englische Gift, das kurz vor dem zweiten Weltkrieg erfunden ist und dieses Gift ist nach Amerika importiert worden, und das Problem fuer Amerika war, daraus ein profitables Geschaeft zu machen. Und das scheint in den letzten 50, 60 Jahren wunderbar geklappt zu haben. Die skandaloesesten Meldungen, die mich erreichen, beziehen sich darauf, dass es jetzt moeglich ist in den USA mathematische Gleichungen zu patentieren. In 2000 Jahren Geschichte ist das schlechthin verboten gewesen, das war die freieste aller Wissenschaften, die nicht patentierbar war. Wenn das geschafft wird und wenn amerikanische Konzerne das europaeische Urheberrecht an Software in diesem amerikanischen Sinne modifizieren, dann ist genau das Gegenteil erreicht von dem, was damals die Leute wollten, die die Turingmaschine geschaffen haben. Das ist eine reale Drohung, weil die Information nicht privat sein kann und nicht in Eigentum sein kann. Ich glaube nur nicht, dass diese Strategie auf die Dauer wird aufgehen koennen, weil die Maschinen wirklich proliferieren, wie Atombomben und alle anderen, weil es nicht kontrollierbar ist und weil im Prinzip darin die allgemeine Imitierbarkeit steckt, duerfte die Software nicht patentierbar sein, auf die Dauer also nicht schuetzbar. Und was die Hardware angeht, also die Maschinerie selbst, es ist ja so, dass die Herstellungskosten staendig fallen, mit dem Resultat, dass in 10 Jahren die heute noch unerschwinglichsten Maschinen fuer einen Pfennig oder einen Franc zu haben sein werden. Das ist die andere Dimension, die wirklich dafuer sorgt, dass, ich sage nicht Demokratie, aber zumindest Nicht- Eigentum vielleicht die Hoffnung sein koennte.

PV: Anstatt unser Gespraech von einer pessimistischen Warte zu betrachten, sollten wir es doch eher vom optimistischen Standpunkt sehen. Wir haben versucht, bei aller Begeisterung fuer diesen Tele-Technologien, uns Gedanken ueber deren Zukunft zu machen. Nicht ueber die Zukunft der Kommerzialisierung dieser Produkte, die Zukunft des Monopols, sondern deren zukuenftige Entwicklung. Diese Entwicklung verlaeuft ja nicht parallel zur Entwicklung des Absatzes der Produkte, sondern zur Entwicklung der Leistungen. Und die Entwicklung der Leistungen, wie Sie ja gesagt haben, kommt durch das Erkennen der schaedlichen Folgen der Negativitaet. Wir sollten vor den archaischen Instinkten derer warnen, die heute vorgeben, eine globale Informationswelt zu entwickeln, ohne zu analysieren, inwieweit die inhaltliche Reduzierung eine destruktive Wirkung hat. Nicht nur auf Kleinunternehmen, auf tausende und millionen Arbeitslose, sondern auf das, was die Geschichte des Sozialwesens ausmacht, naemlich sein gedankliches Erbe und seine, ueber Jahrtausende geformte Struktur. Darin liegt ein regulatives Element. Entweder dieses Gedaechtnis ist nicht lediglich das tote Gedaechtnis der Massenspeicher eines Computers, sondern das lebendige Gedaechtnis der Arbeitsspeicher der Menschen, oder es gibt gar kein Gedaechtnis mehr, nur noch Gewalt. Und dann explodiert wirklich die Informationsbombe und es entsteht die Notwendigkeit, und das waere ein wahres Drama, einer sozialen Abschreckung. Und im Vergleich dazu waeren die vierzig Jahre der nuklearen Abschreckung, glaube ich, so gut wie gar nichts. Etwas sehr viel gefaehrlicheres als das, was wir vor 40 oder 50 Jahren erlebt haben, etwas das in seinem Totalitarismus sehr viel gefaehrlicher waere als z.B. der Nationalsozialismus oder der Stalinismus.

[Zurück zum Anfang der Seite] [to english version]